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 Der Verband für Musikberufe

"Eine Bitte hätte ich noch!" Stefan Barcsay, Gitarre Konzert

Der Abschied vom Irdischen
Konzert vom: 
12.12.2010

Der Gitarrist Stefan Barcsay erinnert mit seinen Konzerten daran, daß Musik (und Musik erleben) auch einen symbolischen Mehrwert hat: sie verweist auf etwas anderes außerhalb ihrer selbst. Das ist normalerweise bei einem Solokonzert eines virtuosen Instrumentalisten die Freude des Musikers (und seiner Zuhörer) an sich selbst, an seinem Können, seinem Spiel, seiner Kunstfertigkeit. Das Konzert funktioniert wie ein Zirkus: man sieht (und hört) staunend einem außergewöhnlichen, sensationellen Ereignis zu. Barcsay ist es aber auch wichtig, mit seinen Programmen nicht nur das zu bedienen, nicht nur sich selbst als virtuoses Ereignis anzubieten, sondern auch von sich weg auf etwas Transzendentes, uns alle unvermeidlich Betreffendes zu hinzuweisen. Statt l’art pour l’art konkretere, direkte Begegnung mit dem Heiligen. Seine Art und Weise Gitarre zu spielen, „seine“ Musik auszusuchen beeindruckte auch Barcsays Künstlerfreund Michael Runschke, als dieser für seinen Kurzfilm „Eine Bitte hätte ich noch!“ die geeignete Filmmusik suchte und auf Barcsays CD „Silent Mountain“ stieß. Der Film gewährt sensible Einblicke in das Leben im Johannes-Hospiz der Barmherzigen Brüder in München. „Dieser Film soll keine Dokumentation sein, sondern eine andere Sichtweise auf das Sterben eröffnen. Letztlich ist es aber auch die Beschäftigung mit dem eigenen Tod“ sagt Runschke zu seinem Werk. Barcsays sparsam eingesetzter Gitarren-soundtrack gibt den berührenden Szenen aus dem Hospiz eine Weite und Tiefe, die dem gezeigten Unsagbaren in Wirklichkeit erst gerecht wird - Worte wären da völlig Fehl am Platz. Die Filmpräsentation in den Räumen des Klosters Maria Stern in Augsburg, das sich anschließende Konzert in der Klosterkirche, das „stille“ Instrument Gitarre, das alles in der dunklen Jahreszeit: das war der geeignete Rahmen, um mit dem Thema Tod als „einer Stufe des Lebens – dem Abschied vom Irdischen“ umzugehen. Barcsay hatte nachdenkliche, eher melancholische und kurze Stücke von Brouwer, Edwards, Tarrega und Villa-Lobos ausgewählt, die eine konzentrierte und meditative Atmosphäre beförderten. Barcsays Ausführung zeigte die überlegene Dispositionskunst des erfahrenen Meisters: lebendige Agogik bei Edwards Blackwattle Caprice 1 oder Tarregas Lagrima, abwechslungsreiche Farbpalette beim Wechsel zwischen Melodie und Begleitung bei Villa-Lobos’ Etude Nr. 8, die lebendige Kantilenenführung bei vollgriffigem Satz z. B. bei Brouwers Ojos brujos oder die technische Perfektion bei Kadenzen oder Verzierungen des Capricho Arabe von Tarrega oder Villa-Lobos’ Prélude No. 5. Das Ende dieses gelungenen Gesamtkunstwerkexperiments war Brouwers leicht depressives Un dia de Noviembre, mit dem die zahlreichen Zuhörer in die Nacht entlassen wurden.

Christian Nees