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 Der Verband für Musikberufe

Geistliche Musik aus Island für Sopran und Orgel Konzert

Geistliche Musik aus Island
Konzert vom: 
19.06.2008

Die wachsende europäische Annäherung hat zur Folge, daß sich jedes Land und jede Region ihrer Identität versichern muß, will sie nicht im großen Ganzen der europäischen Kultur aufgehen und damit spurlos verschwinden. Wie diese kulturelle Selbstbehauptung im kleinen, weit vom europäischen Zentrum entfernten Island geschieht, zeigte ein Konzert des Tonkünstlerverbandes Augsburg-Schwaben in der Augsburger Barfüßer-Kirche. Zu hören war geistliche Musik aus Island. Die isländische Sopranistin (und Chorleiterin) Margrét Bóasdóttir schilderte zu Beginn des Konzerts, dass alle Melodien der Lieder, die sie vortragen werde, aus alten Handschriften der Insel entnommen seien. Um sie wieder lebendig zu machen und der Vergessenheit zu entreißen, würden sie gesammelt und von zahlreichen einheimischen Komponisten bearbeitet. Die Ergebnisse dieser Wiederbelebungsarbeit stellten Bóasdóttir und der Organist und Direktor der Kirchenmusikschule in Island Björn Steinar Sólbergsson in ihrem Konzert vor. Was die wenigen Zuhörer dann hören konnten, war allerdings etwas enttäuschend. Denn Kirchenlieder – zumindest die aus der Entstehungszeit dieser „isländischen Manuskripte“ - scheinen überall in Europa ähnlich zu klingen, und so hörte man nichts irgendwie Exotisches, sondern durchaus vertraut klingende Töne. Die Orgelbegleitung der Bearbeiter fiel ihrer vorwiegend konservatorischen Aufgabe entsprechend zurückhaltend aus, so dass man überwiegend einfach harmonisierte Melodien zu hören bekam. Lediglich die Komponistin Elín Gunnlaugsdóttir erlaubte der Orgelbegleitung in ihrem „Maríuvers“ eine größere Selbständigkeit, so dass eine fesselnde Meditationsmusik erklang. Die Sopranistin Bóasdóttir verfügt über eine allen mitteleuropäischen Klischees entsprechende „nordische“, also klare, helle Stimme, die vor allem im Piano schön zum Tragen kam, im Forte allerdings zur Schärfe neigte. Der Organist Sólbergsson stellte sich nicht nur als sensibler Begleiter vor, sondern auch als ein kompetenter Fachmann für isländische Orgelmusik. Er spielte Ostinato und Fughetta des Straube-Schülers und ehemaligen Domorganisten von Reykjavik Páll Isólfsson (1893-1974), ein spätromantisches, das Klangvolumen der Rieger-Orgel gut ausnützendes Werk, das im immer mehr diminuierenden Ostinatoteil den ganzen Virtuosen beanspruchte. Der war auch gefordert bei der Toccata für Orgel von Jón Nordal aus dem Jahre 1985, und außerdem der Klangfarbenmischer, der dieses moderne Werk mit fugiertem Mittelteil und rasantem Schluß mit immer wieder neuen und überraschenden Registrierungen sehr sensibel in Szene setzte.

Christian Nees