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 Der Verband für Musikberufe

Hans-Christian Dellinger (Saxophon)

new_art_sax Konzert
Konzert vom: 
30.11.2006

Schon wieder hat der Augsburger Tonkünstlerverein sein angestammtes Terrain in der Musikhochschule Augsburg verlassen und ein Konzert in einer Kirche veranstaltet. Diesmal ging es wohl nicht um das spezielle Instrument, die Orgel, sondern um das Klangerlebnis, das nur ein Kirchenraum bieten kann. Die Augsburger Barfüßer-Kirche mit ihrer nur sehr geringen Überakustik erwies sich als hervorragend geeignet für „new_art_sax“, eine „Soloperformance mit Werken für Saxophon und Elektronik“ von Hans-Christian Dellinger. Dellinger studierte Saxophon in München, Paris und zuletzt in Basel, wo er zur Meisterklasse von Marcus Weiß gehörte und 2004 sein Konzertdiplom erwarb. Zur Zeit ist er Mitglied im renommierten Ensemble Modern in Frankfurt am Main. Als Saxophonist ist man „notgedrungen“ angewiesen entweder auf Adaptionen von alten Musikstücken, die ursprünglich für andere Instrumente komponiert wurden – also auf deren interpretatorische Verfremdung durch das Saxophon – oder auf die große Zahl zeitgenössischer Original-Musik. Hier könnte man wieder unterscheiden zwischen dem, was „bei uns“ im Westen komponiert wurde, und dem, was sich aus anderen Musikkulturen für dieses „Instrument ohne Geschichte“ gewinnen läßt. Dellinger hat aus dieser Konstellation das beste gemacht und sich schon in Basel mit indischer Musik befaßt. Er tritt mit Künstlern anderer Musikkulturen auf und hat sich hier vor Ort dem Experimentellen verschrieben. Die Performance in Augsburg war ein jeder Hin-„Sicht“ außergewöhnliches und unerhörtes Ereignis. Dellingers Programm war ausgewogen zwischen Stücken, die er allein und unmittelbar als Virtuose „frei“ gestalten konnte und solchen, bei denen er sich in den Zwang vorstrukturierter, auf tapes aufgezeichneter Abläufe begab. Bei den Solostücken (Tre pezzi von Scelsi, Melodies von Glass und Mysterious Morning III von Tanada) präsentierte er sich als vollendeter Könner und Beherrscher seines Sopransaxophons: alle Farben und Klänge, alle Techniken und Tricks scheint er zur Verfügung zu haben, so daß man überwältigt war, welche Menge an „Tonmaterial“ aus einem solchen Instrument rauszuholen ist. Was soll man da alles nennen: Das klagende Cantabile oder die Jazz-Grooves oder die rasenden Töne im Pianissimo in den Melodies, die leisen hohen Töne bei Scelsis Meditation über drei oder vier Zentraltöne, die so leicht und schön „aus dem Nichts“ kamen oder die überraschenden Fortissimo-Pianissimo-Wechsel, die rasanten Triller und Läufe, die kreischenden und hupenden oder gar Quietschtöne bei Tanada? Alles kam elegant und edel bei den Zuhörern an, die phänomenale Akustik des Raumes trug ein Übriges dazu bei. Auch bei den Stücken mit den z. T. selbst produzierten tapes ließ sich Dellinger natürlich nicht unterkriegen. Nur am Anfang bei Steve Reichs N.Y. Counterpoint dachte ich mir: da ist der Solist jetzt eigentlich überflüssig mit seiner elften Stimme zu den vorproduzierten zehn. Die Anlage war jedenfalls so genial eingestellt, daß ein Unterschied zwischen „live“ erzeugter Musik und Band nicht zu hören war. Auch Peter Eötvös hatte New York im Sinn, als er Music für New York komponierte. Hier kontrastierte die CD den Solisten, so daß beide unterscheidbar waren. Was Dellinger „von Noten“ spielte oder was er zur CD improvisierte, konnte man als Zuhörer nicht erkennen. Das Sopransax reagierte jedenfalls auf „Einzelstimmen“ oder besser „Einzelereignisse“ der Aufnahme, die aus den liegenden Tönen hervorstachen. Eötvös hatte wohl ein düsteres Bild der Großstadt vor Augen, denn das ganze klang ziemlich unheimlich-bedrohlich und jungle-mäßig. Sehr effektvoll in der Kirche wirkte auch der Night Bird der Komponistin Karen Tanaka. Auch hier waberte in der Tiefe ein Sound-Teppich wie in einem Hollywoodfilm, Dellinger sang mit seinem Saxophon darüber (diesmal ein Altsax). Das gab einen grandiosen Effekt, sehr ähnlich dem bekannten Gabarek-Sound. Humorvoll nannte Dellinger dann das letzte auf dem Programm stehende Werk; die Aulodie von Francois-Bernard Mache. Der Humor stellte sich z. B. in Grunztönen dar, die vom Band kamen, dazwischen tönte das Saxophon. Das wurde immer intensiver und wilder, dann störte ein Quietschen von der CD das Spiel des Saxophonisten, immer mehr ging Dellinger auf die auf Band aufgenommene Störung ein, schließlich verbündete er sich mit dem Störer und trat in ein Zwiegespräch ein. Das erstaunlicherweise sehr zahlreich erschienene Publikum war so fasziniert, daß es sich eine Zugabe erklatschte, eine weitere der Melodies von Glass. Summa summarum: ein grandioser Abend mit vielen neuen Hörerlebnissen!

Christian Nees