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 Der Verband für Musikberufe

JAZZKONZERT

Welch ein Hokuspokus!
Tilman Herpichböhms Quartett Jilman Zilman zaubert mit der Pianistengröße Simon Nabatov
Konzert vom: 
13.04.2018

von Ulrich Ostermeir. Nicht alle Tage kommt dem Rokoko-Saal ein derartiges Jazzkonzert zu Ohren: Jilman Zilman, das Quartett des Augsburger Schlagzeugers Tilman Herpichböhm, und die Pianistengröße Simon Nabatov, der schon mit Musikern wie Chet Baker, Mark Feldman und Kenny Wheeler spielte, inszenierten ein Freejazz-Spektakel, dass einem Hören und Sehen verging. Verblüffend die Wucht dieser Darbietung.

Ins Zentrum rückten die Altsaxophonisten Julian Bossert und Johannes Ludwig. Sonor stellten sie eine Linie, ein Thema in den Raum, fundiert von Piano, Bass und Drums. Und aus dieser Skala des Themas erwuchsen dann kühne Soloimprovisationen, ungeahnte Freiräume öffneten sich, die beide Altsax weidlich durchmaßen. Voller Spielfreude und Impetus profilierte sich Dissonantes. Frei von Akkordschemata schaukelte sich oft ohrenbetäubend unbändige Spiellust auf, insbesondere dann, wenn Improvisationen im Kollektiv aufgingen. Exzessiv richtete nun das Quintett ein irres Tohuwabohu an, totales Klangchaos dominierte, wie es in „Kasperles Differenzialgleichungen“ enervieren sollte – Titel waren dabei natürlich auch Programm. Zuerst bestach hier als Intro Tilman Herpichböhms fulminantes Drum-Solo, darauf spielten beide Altsax Schabernack zwischen Geräusch, Dissonanz und Alttimbre. Nabatovs Klavierspiel pendelte zwischen greller Verdichtung und filigranem Linienspiel versiert hin und her, ehe sich dann alles infernalisch kreuz und quer überlagerte. Welch ein Hokuspokus!

Ähnlich das Bild im „Krombiragsälz“: wiederum das Spannungsfeld zwischen Solo und Kollektiv. Befeuert von Drumsoli, lud sich dieses „Gsälz“ energetisch auf, um erneut in Kollektivimprovisation explosiv zu zünden. Exzentrisch diese Titel, als sei Musik die verrückteste Sache der Welt. In allen diesen Herpichböhm-Kompositionen weht der freie Geist eines Ornette Coleman, in all diesen Nummern, wie sie auf Jilman Zilmans drittem Album „The Loft Recordings“ zu hören sind, löst dieser Freigeist  heftige Turbulenzen aus. Entfesselt lebte dies das Quintett aus, und doch hatte diese Konfusion Struktur und Methode.

In „Nachtschnaps“ führte der Weg aus der hymnischen Höhe Leuchtkraft der Saxofone in heilloses Durcheinander, das sich erst in der Besänftigung klärte. Peter Christof ließ in „Erdbeerlimes for Jacqueline“ solistisch virtuos die reichen Facetten des Kontrabasses anklingen, übertrug seinen rhythmischen Drive auf das Kollektiv, das über stringente Wiederholungen die Spannung aufschaukelte. Aber – witzig schmeckte zu Beginn der „Sächsische Kaffee“, gewiss alles andere als „Muckefuck“.

Der mit allen Wassern gewaschene Pianist Simon Nabatov war als Weltbürger angetan von diesem Jazzstil, ging in dieser exzentrischen Welt des Quartetts auf und bildete mit Jilman Zilman jene Einheit, die gibt und nimmt.

 


Mit Hang zur Exzentrik und großer Spielfreude präsentierten sich Jilman Zilman und Pianist Simon Nabatov im Rokokosaal. Foto: Fred Schöllhorn