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 Der Verband für Musikberufe

Matthias Gyr Konzert

Konzert vom: 
25.06.2007

Das Augsburger Gymnasium bei St. Stephan kann sich glücklich schätzen, einen solchen Klavierpädagogen wie Matthias Gyr zu seinen Lehrern zählen zu können. Denn der Klavierabend, den Gyr im Rahmen der Europa-Tage der Musik für den Augsburger Tonkünstlerverein gab, zeigte einem sehr zahlreich erschienenen Publikum einen Meister seines Fachs. Der erste Preis auf Bundesebene bei „Jugend musiziert“, das Meisterklassendiplom mit Auszeichnung bei Gitti Pirner 1996 an der Münchener Musikhochschule und Preise bei diversen Wettbewerben beweisen, daß Gyrs große pianistische Kunst schon seit langem bekannt und anerkannt ist. Neben seiner Konzerttätigkeit unterrichtet er seit 1997 die Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums bei St. Stephan. Für den Abend hatte Gyr überwiegend Werke ausgesucht, die nach alten, bewährten Mustern im Blick auf die Zeit vor der Romantik im 20. Jahrhundert komponiert wurden, diese neo-klassizistische Orientierung aber in vielfältiger Weise wieder durchbrechen, ironisieren, in Frage stellen. Insgesamt scheint Gyr auch der „klassische“ Umgang mit seinem Instrument wichtiger zu sein als experimentelle „Spielweisen“ welcher Art auch immer. Allerdings begann der Abend mit zwei Nachtstücken des jungen Schweizers Marcus Bernard Hartmann, die zwar nach der deutschen Romantik benannt sich aber als stilisierte Jazz-Balladen entpuppten, die etwa ein Oscar Peterson so ähnlich hätte komponieren können. Schon hier fiel der warme, volle Ton von Gyrs Piano auf und die Intensität, mit der er die „unendliche Melodie“ zu führen und zu gestalten wußte. Dieser Sound begegnete den Zuhörern auch im langsamen Satz der Suite in C von Poulenc oder in dem einzigen sozusagen zeitgenössischen Titel des Programms: bei der „Cloud in distance“, der Nr. 8 von Toshi Ichiyanagis „Cloud Atlas“: ein runder, weicher, blühender Klang, der das kurze Stück des Japaners zu einem spannungsvollen atonalen Hörerlebnis werden ließ. Daß Gyr auch andere Farben „draufhat“, zeigten die schweren fortissimo-Schläge im dritten Satz von Aribert Reimanns früher Sonate oder die harten Läufe in der ersten der drei Sonate galanti von Markus Schmitt oder die virtuos gespielte Toccata op. 11 von Prokofjev. Überhaupt liegt ihm das Motorisch-Sportliche, das rasend Schnelle sehr. Es war sehr faszinierend zu hören, wie er dieses Presto Reimanns fast zum Swingen brachte oder den Witz im Vif-Satz der Poulencschen Suite in C herausarbeitete. Ebenso genial gelang es ihm, den Walzer (Nr. 4) aus der Musica ricercata Ligetis als Groteske zu spielen. Dazwischen gab es immer wieder auch ruhige, zarte, melancholische Momente, v.a. bei der Suite française Poulencs. Am Schluß zwei Zugaben, eine von Gyrs „Seelenverwandtem“ Friedrich Gulda und – als ob er noch ewig Kondition hätte – einen rasanten Debussy. Das Publikum war hingerissen.

Christian Nees