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 Der Verband für Musikberufe

Sounds and Ballads

Konzert vom: 
05.10.2015

Besprechung in der NMZ von Christian Z. Müller. Der Tonkünstlerverband Augsburg – graphisch und webbasiert in neuem frischen Design – präsentierte jüngst „Sounds and Ballads“ zusammengestellt und interpretiert von Beatrice Ottmann, Sopran und Stefan Schulzki, Elektronik und Klavier.

Der Komponist und Pianist Stefan Schulzki ist der Master Mind der Veranstaltung. Seine Klangwelt bestimmt den Abend, an dem er fünf seiner Werke plus Zugabe präsentiert, sowie fünf Werke weiterer Komponisten resp. Musikdesigner aufführt. Auf der etwas drögen Konzertsaal-Bühne fallen außer dem Flügel eine Menge elektronischer Geräte, darunter Synthesizer aller Art, Drum-Computer, Laptop, Hallgerät, Mixer und noch mehr Kabelgewirr auf.

Mit Gerald Fiebigs „Stördämpfung“ steigen wir ein. Der Titel bezeichnet zwar einen Wert der „Entstörwirkung von Entstörmitteln“ (wikipedia), treffender für das Stück ist aber die Konfrontation von „stören“ und „dämpfen“. Der Audiokünstler und Lyriker hat in seinem Werk eine Abfolge kleiner Abschnitte komponiert, die auf einem Wechsel zwischen Spiel im Innenklavier und Synthesizer, jeweils in Zwiesprache mit dem rein lautpoetisch agierenden Sopran beruht.

„Minuscule“ von EMERGE aka Sascha Stadlmeier beeindruckt die Zuhörer durch seine Klangfülle, seine krassen Lautstärkegegensätze, Soundcluster-Emersionen und Klang-Tsunamis. Man assoziiert berstendes Eis, Wasserfälle, Zündungen, Brandungen, Brände, so dass die Titelbezeichnung, französisch für „winzig“, fast etwas zu verharmlosend erscheint, oder auf die Gefühlslage des Zuhörers zutrifft, angesichts der Drone-Klangmassen.

Erich S. Hermanns „shift 2 – songs and ballads“ zeigt Wege auf, welche Formen heute ein Liederzyklus annehmen kann. Gesprochen, gesungen, in Echtzeit verfremdet oder direkt als Sample eingespielt kommen alle Sprach-Facetten zum Einsatz. Die Wechsel zwischen analog-akustischer und elektronischer Klangerzeugung sind so überzeugend und gleichzeitig versteckt, dass die Verbindung perfekt ist. Dass auch der Pianist Schulzki seine Stimme einsetzt, und die Sopranistin Ottmann den Drum-Computer bedient, ist nur folgerichtig, ebenso wie die Synthesizer und Computer noch weiterspielen, während die Musiker von der Bühne abgehen. War also alles nur fake?

Zwischen den drei ansprechenden wie anspruchsvollen Werken wurden zwei Jazz-Standards von Thelonius Monk und Victor Young quasi als Verdauungs-Schnäpse zu den leckeren Gängen serviert. Gegensätzlicher konnte der Stimmungswandel nicht gewählt sein.

 

Der zweite Teil des Abends wurde mit Schulzkis eigenen Werken bestritten. Das kurze Gedicht „Schatten Rosen Schatten“ von Ingeborg Bachmann vertont und interpretiert der Komponist mit einer sehr innigen Verbindung aus Elektronik, Sprache, Stimme und Piano. Die äußerst abwechslungsreiche Klang-Dichtung bringt Lautpoesie, Soundcluster, Glitch, Clicks ’n Cuts zusammen und findet sich damit in der stetig wachsenden Schnittmenge aus Pop und Neuer Musik. Goethes Gedicht „Erlkönig“, in dessen Neuvertonung Schulzki sowohl mit Mitteln des Sprechgesangs als auch des klassischen Belcantos arbeitet, wächst mit einer heftigen Klimax bis zum Wort „Gewalt“, wo es mit brutalem Innenklavier den Schluss einleitet, und tonlos „tot“ (ver)endet. Die „Musik für Klavier und Elektronik Nr. 4“ wartet mit einem Universum an Klangeffekten auf, als da sind Distortion, Doppler, Drone, Echo, Flattern, Flange, Fuzz, Hall, Tsunami, Wahwah, uvm. Alle Parameter werden dekliniert und dekonstruiert, Mikrotöne und Polyrhythmen ebenso wie frappant Tonales auf dem Flügel verabreichen dem Hörer eine Klangdusche, die sich gewaschen hat. Die Spannung lässt jedoch nicht nach, denn mit „Everything“ bringt das Duo Schulzki/Ottmann noch einen ihrer Klassiker, bei dem die Sopranistin, wie bei allen anderen Stücken zeigt, dass sie neben einer fulminanten Stimmkraft mit außergewöhnlicher Klangfarbe über ein Repertoire aus allerhand Nebengeräuschen, Body Sounds, Mimik, Gestik verfügt und dabei ganz viel Charme versprüht.

„Mondnacht II“, nach Joseph von Eichendorff, ist dann so komplett verschieden von allen Stücken des Abends, die Jazz-Perlen eingeschlossen, weil es so knapp am Fantasy-Kitsch entlang schrammend eine überschöne, grenzwertig zoelestische Traumerfahrung bietet und damit die Hörer in die Gute Nacht schicken wollte, hätte dieses nicht so begeistert nach einer Zugabe insistiert, die es auch bekam. Und zwar mit reinstem Pop, einer Coverversion des Songs „Königin“ der Elektro-Pop-Band „Jeans Team“.

 

Fazit: Komponisten, Audiokünstler, Elektroniker und Interpreten haben erneut gezeigt, dass es keine Grenze mehr zwischen Pop und Neuer Musik gibt, und wenn doch, dieser Grenzstreifen selbst (frei nach einem Ausspruch Luigi Nonos über Carlo Scarpa) unendlich breit und voller Möglichkeiten ist!

 

CZ Müller, jetzt:musik!-AGNM