logo_tkva

dtkv logo

 Der Verband für Musikberufe

Stefan Barcsay

Kompositionen zur Kindheit
Konzert vom: 
08.12.2013

Was 2014 als CD-Projekt mit dem Titel „Children’s Corner“ entstehen wird, stellte der Gitarrist Stefan Barcsay nun an verschiedenen Abenden vor. Anfang Dezember 2013 erklangen dem Interpreten gewidmete Werke von vier Komponisten, alle auf ihre Art mit Kindheit oder Jugend in Zusammenhang stehend. Man darf sich diese Stücke allerdings nicht als einfach im Sinne von kinderleicht spielbar oder im Sinne der sogenannten „Neuen Einfachheit“ vorstellen, sie sind auch nicht in die Minimal-Schublade zu stecken. Es ist wohltuend, dass endlich Dogmatik keine Rolle mehr spielt, nur noch Qualität.

Und so darf Tonales und Rhythmisches neben Atonalem und Arhythmischem stehen und im Fall der „Fünf Verse“, wie auch der „Fünf neuen Verse“ von Alois Bröder (*1961) in modaler Weise den Bogen zwischen absoluter und konkreter Musik spannen. Inspiriert wurde der Komponist durch die Textsammlung des Anthropologen und Sexualforschers Ernest Bornemann, mit auf Kinderspielplätzen gehörten und aufgeschriebenen Versen. Diese Verse, oftmals Verballhornungen von Sprüchen Erwachsener, werden von den Kindern noch gar nicht verstanden und deshalb zumeist ohne Sinnzusammenhang wie Abzählreime skandiert. Diese musikalisierte Sprache interessiert Bröder im Kontrast zur rein-musikalischen Sprache.

Als Erwachsenem wird einem der Marsch geblasen, man tritt ein in das Hamsterrad der Arbeitswelt – als Kind hat man noch Träume. In die Welt der ersten vier Teile des Charakterstücks „Vom Kindsein“ des Komponisten und Barcsays Mentor Enjott Schneider (*1950) wünscht man sich zurück, sobald die harschen Schlagklänge des fünften – „...endlich erwachsen“ – erklingen. Mit vielen Spezialtechniken, wie Tapping und Flageoletts fühlt man sich tatsächlich „verzaubert“, „verstört“, „verloren“ und – in die Musik –„verliebt“.

„genauso wie die anderen“ von Stephan Marc Schneider (*1970), war gar nicht genauso wie die anderen sondern das Werk mit der kompositorisch weitesten Bandbreite. Es wechselt abrupt zwischen polytonalen melischen und von der Spielweise der persischen Tombak abgeleiteten rhythmischen, ornamentalen Abschnitten und vermittelt dadurch einen Eindruck des jugendlichen Dilemmas zwischen dem unbedingten Mitmachen jeglicher Trends und Moden und dem möglichst coolen Distanzhalten von der grauen Masse. Tatsächlich war der junge Sohn des Komponisten Stichwortgeber für den Titel.
„Pling Plong“ ist gleichzeitig Titel und Soundword eines uraufgeführten Werks für Gitarre und Spieluhr von Joachim F. W. Schneider (*1970), dem dritten der gleichnamigen aber nicht untereinander verwandten Komponisten. Die Spieluhr, ein kleines Kästchen, durch das per Kurbel gemäß der Komposition gestanzte Papierstreifen gezogen werden und dadurch Metall-Lamellen zum Schwingen gebracht werden, kommt im akustisch perfekten Kirchenraum von Maria Stern in Augsburg fast wie eine Celesta zu Geltung und kann so der Gitarre antworten. Was die Gitarre aber nun an Klangfarbenreichtum bietet, beantwortet die Spieluhr, gespielt vom Komponisten, mit komplexen, auf nichtmechanischen Instrumenten unspielbaren Taktcollagen.

Stefan Barcsay trug die Werke mit gewohnt professioneller Gelassenheit bei höchster Konzentration vor, und baute auch die darüberhinaus hörbare „Spieluhr“, nämlich das feine Gebetläuten des Klosters gekonnt mit ein, was kontemplativ-beruhigend auf das Publikum wirkte, das im akustisch hochsensiblen Kirchenraum mucksmäuschenstill lauschte.

Christian Z. Müller, Augsburg