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 Der Verband für Musikberufe

steuber.öllinger Gitarrenduo

FASZINATION DER MODERNE
Von Reich bis Murail: Das Gitarrenduo Steuber-Öllinger
Konzert vom: 
19.04.2013

Ort, Komponist, Werk wie Instrument können eng tradiert im Konnex stehen oder wie jüngst in der ehrwürdigen Barfüßer-Kirche extravagante Kontraste schaffen. Augsburgs Tonkünstlerverband hatte mit Steuber-Öllinger ein Gitarrenduo geladen, das auf Moderne setzt: Hier "Let Newton be" unter der Apsis, dort "Salut für Caudwell" nahezu als Manifest.

Überaus drastische Nähe gewann Helmut Lachenmanns Ehrenbezeugung für den englisch- marxistischen Dichter Caudwell. Aus dem musikalischen Niemandsland zwischen Geräusch und Klang heraus agiert der Nono-Schüler seriös, verweigert das Gewöhnliche, der normal erzeugte Ton bleibt Ausnahme Die präparierten Gitarren lagen, das Griffbrett blieb unberührt, zum Spielfeld wurde der Bereich Steg-Schallloch, über Metall- Plektren gewann das Duo ein filigran geschärftes Klangnovum, das Hörgewohnheiten durchbrach und Vehikelwirkung erzeugte. Dieser Effekt transportierte und erhärtete die Caudwell-Textaussage, vom Duo roboterhaft skandiert, als wolle es "....die Gesetze und die Technik der Kunst neu gestalten, sodass sie die entstehende Welt ausdrückt...." Brisant diese Interpretation!

Die seriellen Tonschöpfer weit hinter sich ließ auch Daniel Hjorths Konfrontation mit Newton. Von Gravitationsgesetzen inspiriert, streift der Schwede Regelwerk ab, Klangfluktuationen changierten zwischen den Gitarren, schienen sich anzuziehen und wieder abzustoßen, extreme Spieltechniken führten zu seltenen Klangeffekten: Seccotimbre, unmittelbar am Steg erzeugt, wechselte zu metallischer Plektrumhärte, sprang über zu feinem "Gitarrenwind", entfacht über spezifische Handventilatoren. Dadurch, dass die Instrumente vierteltönig differierten, entstanden klangliche Reibeflächen, als stünden Steuber&Öllinger unter Strom.

Schon zu Beginn brachte Steve Reich als Urvater dieses Stilistik Repetition und Phasenverschiebung ins Spiel: Kunstvoll verzahnte "Nagoya" (1994) melodisch ausgeformte Patterns, die eben nicht durch die "Gebetsmühle" liefen, sondern häufig wechselten in virtuosem Zusammenspiel: keineswegs minimalistisch. Ray Lustigs drei "Figments" gerieten kreisend in einen antiphonen Sog von "Figuren und Fragmenten", die zu "Figment" verschmolzen. In Massimo Viels "Lumen" kreierte das Duo filigrane Lichtpunkte und Interferenzen, ehe Tristan Murails "Tellur" fulminant den Schlusspunkt setzte. Zwingend verdichteten sich Flamenco-Effekte im ewigen Spiel des Entstehens und Vergehens zu Klangaggregaten: Pure Spiel- und Klangraffinesse. Augsburg zeigte dieser Moderne die kalte Schulter, applausfreudig der kleine Kreis.

Ulrich Ostermeir