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 Der Verband für Musikberufe

Zeitgenössischer Musik aus Österrreich Konzert

Konzert vom: 
16.02.2009

Die Besonderheit des Konzertes des Tonkünstlervereins Augsburg-Schwaben zeigte sich bereits vor dessen Beginn: vor dem ehemaligen Konservatorium stand der Aufnahmewagen des Bayerischen Rundfunks, der sich das exquisite Programm mit „Zeitgenössischer Musik aus Österrreich“ nicht entgehen ließ und den beiden Künstlerinnen Anneliese Gahl (Violine) und Sigrid Trummer (Klavier) wenigstens im nachhinein ein sehr viel größeres Publikum bieten wird, als leider beim Konzert selbst anwesend war. Vermutlich darf man gar nicht viele Interessenten erwarten, die z. B. Katharina Klements Klavierklangraumerweiterungen in „Par“ (2005) hören wollen, bei denen keine einzige Taste konventionell angeschlagen wird , sondern die Saiten nur mit Drähten oder Klöppeln zum Klingen oder eher Schnarren gebracht werden und die asketische Violinbegleitung sich schließlich in „eisigen Höhen“ verliert. Oder die Richard Hellers quasi-romantisches Poème für Violine und Klavier (1978) hören wollen, das vor allem Stille und Zartheit darstellen will. Das und vieles andere wird vermutlich immer Musik von Spezialisten für Spezialisten sein, und davon gibt’s auf beiden Seiten nicht so viele. Der Wettbewerb „Jugend musiziert“ tut sein Möglichstes und läßt die jungen Teilnehmer ganz aktuelle Auftragskompositionen spielen wie z. B. 2007 das Duo „Sternenmäuse“ des Grazers Klaus Lang: zwei Mäuse, die auf entfernten Planeten leben, schicken sich gegenseitig ihre Musik zu. Die Stille zwischen den Tönen symbolisiert die Entfernung zwischen den Sternen. Wie Gahl-Trummer die Einzeltöne und Flageolets dieses Funkverkehrs langsam, still und sehr, sehr leise und ohne vibrato präsentierten, war fast das Spannendste an diesem abwechslungsreichen Abend. Haruki Murakamis Roman Mister Aufziehvogel las der Korrepetitor und Jazzers Oskar Aichinger gerade, als er 2005 „May Kasahara“ für Gahl-Trummer komponierte, eine Hommage an ein junges geheimnisvolles Mädchen aus diesem Roman. Ostinate Klangfelder kommen immer wieder zum Stehen, dann wieder Neubeginn. Die Geige singt auch mal über ostinatem Rhythmus ganz konventionell mit großem vibrato und sehr hoch. Das ganze ist mit technischen Schwierigkeiten gespickt, sehr anspruchsvoll – und sehr eindrucksvoll musiziert. Fünfzig Jahre früher entstand Gösta Neuwirths „Sonata brevis“, der sich an traditionellem Muster orientierend als Meister der Kompositionstechnik erweist mit Fugatoabschnitten, die sich langsam steigernd zu einem Höhepunkt des ersten Satzes entwickeln, einem langsamen Mittelsatz mit „schöner“ Geigenkantilene über kontrapunktischem Satz und schließlich einem scherzoartigen „zickigen“ Schluß, der vor allem vom Klavier bestritten wird. Zum Klavierstück „Indian Summer“ (1999) sagt sein Schöpfer Michael Amann: „Dieses Klavierstück habe ich im Oktober verfasst, der Anblick der nuanciert verfärbten Blätter regten mich zu diesem Titel an“. Sigrid Trummer, seit der Uraufführung mit dem Werk vertraut, setzte die verschiedenen, im mal viel, mal wenig Aktion fordernden Notentext angelegten Nuancen perfekt in ein immer rundes, warmes und edles Klangbild um. Den Schluß des Konzertes bildete eine Kombination zweier Werke des Jazzmusikers und Komponisten Werner Pirchner. Annelie Gahl begann mit drei Sätzen aus „Shalom“ für Violine solo (PWV 30a), eine Version der Bühnenmusik zu dem sozialkritischen „Kein schöner Land“ von Felix Mitterer. Pirchners Musik reißt die üblichen Grenzen zwischen hohem und niedrigem Stil ein, es entsteht eine witzig-sarkastische-melancholische Mischung aus Komplexem und scheinbar Einfachem als sein kritischer Kommentar zur Gegenwart. Gahl traf den traurigen Ton in „Kann die Geige weinen?“ ausgezeichnet, eben so den Bártokstil des nächsten Satzes, der auch die Virtuosin in ihr ganz und gar forderte. Als dann Trummer mit dem zweiten lückenlos anschließenden Stück „Heimat?“ (PWV 29a) aus dem Solo ein „Zwio“ machte, setzten sich diese scheinbar naiven, manchmal auch richtig romantischen Klänge in wunderbar differenziertem Zusammenspiel beider Künstlerinnen fort. Irritierend und beklemmend war der Schluß des letzten Satzes, als eine volksliedartige Melodie immer wieder aufgenommen dann schließlich doch abgebrochen wurde und nach Annelie Gahl auch noch Sigrid Trummer die Bühne verließ und so deutlich wurde, dass das Ende der Idylle gekommen war.

 

Christian Nees