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 Der Verband für Musikberufe

Zeitreise 1948 - 2008 Eine bayerische Musiknacht Konzert des Landesverbandes Bayerischer Tonkünstler in Zusammenarbeit mit dem Tonkünstlerverband Augsburg-Schwaben

Konzert vom: 
11.04.2008

Der Landesverband Bayerischer Tonkünstler feierte sein 60jähriges Bestehen mit einer bayerischen Musiknacht in Augsburg. Das höchst interessante und abwechslungsreiche Mammutprogramm von insgesamt sieben Stunden Dauer trug die Überschrift „Zeitreise 1948-2008“ und bot eine Art Überblick über die Kammermusikproduktion von in Bayern wirkender Komponisten und Komponistinnen seit den 50er Jahren bis zu ganz neuen Werken, den drei Uraufführungen am Schluß des Konzerts kurz vor Mitternacht. Auf alle insgesamt zwanzig aufgeführten Werke oder Werkteile hier näher einzugehen ist unmöglich, es kann lediglich ein zusammenfassender Überblick gegeben werden. Das Philharmonische Bläserquintett Augsburg (Anne Zimmermann, Ann-Christine Rose, Ulf Kiesewetter, Sachiyo Sakamoto und Jacob Karwath) hatte insgesamt vier Bläserquintette neu einstudiert und hinterließ einen glänzenden Eindruck in jeder Hinsicht, vor allem aber was Homogenität, Virtuosität, Klangpracht und Präzision betraf. Mit sicherem Stilbewußtsein präsentierte man die divertimentohaften, spielmusikartigen Quintette von Arthur Piechler (1896-1974), das neoklassisch-idyllisch tönte, und von Herbert Baumann (*1925), das eher an Strawinsky orientiert ist. Jedes Mitglied des Quintetts nützte die vielen Gelegenheiten, eindrucksvoll solistisch oder in Duo-Koppelungen hervorzutreten, z. B. bei Karl Erhards (*1928) Werk im ersten und dritten Satz. Mit großer Lässigkeit meisterten die Bläser auch die rhythmischen Klippen in dem seriell anmutenden Werk Carlos H. Veerhoffs (*1926) und bauten die geforderten Blas- und Klappengeräusche geschickt in den Gesamtklang ein. Als einzige Sängerin des Abends war die Sopranistin Marie Schmalhofer zu hören. Die extreme Expressivität à la Schönberg der Büchtgerschen Lieder auf Texte von Cummings, Bachmann, Rilke u. a. brachte sie virtuos zum Klingen, durchmaß mit schönen Farben auch die extremsten Lagen ihrer Stimme und verkörperte förmlich die Stimmungen der Lieder, auch bei den dankbaren Sommerliedern von Ernst Kutzer (*1918) und dem Poème von Helmut Bieler (*1940), das ihr zu einer richtigen kleinen, spannenden Opernszene geriet. Einfühlsam wurde sie begleitet von Sylvia Hewig-Tröscher, die wenn nötig souverän die Führung übernahm und z. B. im Nachspiel von Kutzers „Ausblick“ noch einmal gekonnt ein Resumée des gesamten Liedes zog. Überhaupt bestritt sie als Pianistin mit unglaublicher Konzentration den wohl umfangreichsten Anteil an diesem Konzert; denn sie war auch Partnerin des Geigers Urs Stiehler, der mit ihr die monumentale und höchst anspruchsvolle 5. Violinsonate Harald Genzmers (1909-2007) präsentierte, ein Stück, das beiden Instrumentalisten in seiner handwerklichen Gediegenheit und seinem Facettenreichtum Gelegenheit zu großer, quasi ein ganzes Jahrhundert zusammenfassender Kammermusik bot. Schöne meditative, vibratolose Klänge „wie aus einem klaren Quell“ schickten sie in den Saal im anschließenden „Hed“ überschriebenen Duo Peter Kiesewetters (*1945). In der Stunde vor Mitternacht kamen erst Frau Hewig-Tröschers Solobeiträge: die mit vielen Masken der Klaviervirtuosität des 19, Jahrhunderts spielende zweite Klaviersonate von Glora Coates (*1938), die die Komponistin dem Andenken an den türkischen Pianisten Vadot Kosal gewidmet hatte, und zwei Uraufführungen. „Mozart in New Orleans” war die eine überschrieben, ein ziemlich konventionell klingendes, aber technisch sehr anspruchvolles Stück von Enjott Schneider (*1950), und die andere war die Sonatine Nr. 1 von Dorothea Hofmann (*1961), ein eigentlich irreführender Titel; denn das viersätzige Stück ist sehr komplex strukturiert und forderte von Frau Hewig-Tröscher alle Register ihres Könnens zu ziehen, von technischer Virtuosität über stringentes Gestaltungsvermögen bis zu feiner Klangsensibilität (wunderbar die Obertoneffekte zum Nachlauschen im 2. Satz). Auch zwei Komponisten setzten sich an den Flügel, um ihre eigenen Werke zu intrepretieren: András Hamary (*1950) spielte Sechs Bagatellen und Rudi Spring (*1962) zusammen mit der Hackbrett-Virtuosin Elisabeth Seitz seine Duo-Phantasie op. 56, die aus dieser seltenen Instrumentenkombination sehr aparte Klänge entstehen läßt. Auch Leistner-Mayers (*1945) Poem VIII op. 104 für diese Besetzung bot da interessante Effekte, die immer wieder das Gehör überraschten. Das Augsburger Streichquartett hat auch insgesamt vier Werke vorbereitet. Nach der von Einfällen nur so sprudelnden Fantasia piccola von Meinrad Schmitt (*1935) und Richard Hellers (*1954) Quartett 1982 traten vor allem Ludwig Schmalhofer (Bratsche) und Hartmut Tröndle (Violoncello) bei K. H. Stahmers (*1941) „Em-bith-ka“ und der letzten Uraufführung des Abends, dem Streichquartett Nr. 3 „in memoriam Egino Klepper“ von Dorothee Eberhard-Lutz (*1952), mit wohlgestalteten Soli hervor. Die Herren musizierten sehr kompakt und mit großem Ausdruckswillen, aber auch mit feinem Gespür z. B. für die vielen ostinaten Klängen und immer wieder durch rhythmische Impulse zerstörten Klangflächen.

Christian Nees