Der Verband für Musikberufe

FESTKONZERT 100 Jahre Augsburger Tonkünstler (4)

Festrede von Prof. Ulrich Nicolai
Vorsitzender des Tonkünstlerverband Bayern e.V.
Konzert vom: 
31.03.2019

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

nur ungern unterbreche ich ein Konzert wie dieses durch eine Rede – zumal ich selbst Musiker bin und im Zweifelsfall viel lieber als solcher auf dem Podium stehe. 

Aber ich wollte mich der ehrenvollen Bitte von Frau Tluck, als Vorsitzender des Bayerischen Tonkünstlerverbands heute zu Ihnen zu sprechen, auch nicht entziehen und möchte versuchen, Ihnen ein paar Einblicke in die Geschichte und das Wesen der To0nkünstlerverbände zu geben. 

Einleitend dazu eine kurze persönliche Anmerkung: Während meiner Schulzeit hatte ich bei einem emeritierten Musikprofessor  Klavierunterricht. Bei meinen wöchentlichen Unterrichtsstunden fiel mir auf, dass immer ein kleines Büchlein neben dem Flügel lag, auf dem „Tonkünstlerkalender“ stand. Ich fragte meinen Lehrer irgendwann danach und er sagte mir nicht ohne Stolz, dass dies der Kalender nur für Mitglieder des Tonkünstlerverbands, der wichtigsten deutschen Vereinigung für Berufsmusiker sei; die Mitgliedschaft sei nur ernsthaften und qualitativ nachgewiesenermaßen guten Musikern möglich. 

Dies war meine erste Begegnung mit dem Tonkünstlerverband und das erste Mal, dass ich davon hörte, dass es überhaupt so etwas wie einen Verband der Musiker bzw. Tonkünstler gibt, und ich war von den Worten meines Lehrers natürlich zutiefst beeindruckt. Vor allem hätte ich mir damals nie träumen lassen, dass ich selbst einmal nicht nur Mitglied in diesem Verband werden könnte, sondern sogar Vorsitzender der Bayerischen Sektion  und in dieser Eigenschaft die Ehre haben würde, heute an dieser Stelle zu Ihnen zu sprechen. 

So viel in Kürze zu meiner eigenen „Verbandsgeschichte“, die irgendwann auch das Interesse in mir weckte, etwas mehr über diese Vereinigung zu erfahren, vor allem, warum und wie es überhaupt dazu kam, dass sich Ton-Künstler zu einem Verband zusammenschlossen. 

Dazu ein kurzer Abstecher in die Musikgeschichte: In der frühen Musik, etwa bis zur Renaissance (1420 - 1560), gab es keine größeren Musikergruppen im Sinne unserer heutigen Orchester; die Musiker spielten und sangen allein oder allenfalls in kleinen Gruppierungen. Nachdem zu Beginn des Mittelalters Musiker, die interessanterweise vom Stand her Kesselflickern und Prostituierten gleichgestellt waren, und Musiktheoretiker, denen eine etwas höhere  soziale Stellung zugebilligt wurde, streng getrennt waren, waren Musiker später im Laufe des Barock normalerweise in allen Bereichen der Musik und darüber hinaus tätig, also zugleich Komponist, ausübender Musiker, Lehrer und Theoretiker. Vor allem war jeder aktive Musiker zugleich auch Interpret seiner eigenen Musik und in diesem Sinne auch Komponist..

Die Gruppen wurden allmählich immer größer; dazu kam die zunehmende Verbreitung des Buch- und damit auch Notendrucks, denn Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks wirkte sich in der Folge natürlich nicht nur für Bücher, sondern auch für Noten aus – in mancherlei Hinsicht sogar positiver, denn auf dem Buchsektor wurde die Verbreitungsmöglichkeit schon sehr bald auch für Pamphlete missbraucht – eine Art Vorläufer des heutigen Missbrauchs des Internets. 

In der Musik war es nun möglich, Musikstücke klar zu notieren und somit auch zu verbreiten; manche Komponisten, wie z. B. Georg Friedrich Telemann entwickelten sich da ziemlich schnell zu geschickten Geschäftsleuten. Im späteren Barock (Paradefall: J. S. Bach) gab es nun zusehends mehr feste Musikergruppen bzw. Orchester; das steigerte sich in der Klassik weiter. Das Orchester war schon bei Beethoven z. T. sehr groß und wurde im Laufe des 19. Jahrhundert noch größer.     Vor allem war es nun nicht mehr so, dass die meisten Musiker gleichzeitig auch Komponisten waren; das frühere eher an Improvisation orientierte Musizieren verlor allmählich immer mehr an Bedeutung, während das Wiedergeben notierter (= komponierter) Werke immer wichtiger wurde. Die Bereiche des Musikertums (Komponist, ausübender Instrumentalist oder Sänger, Musiklehrer etc.) trennten sich zusehends mehr voneinander. Zugleich wurden immer mehr Musiker nötig, die die komponierten Werke aufführen konnten – es entstand der Begriff des "Berufsmusikers", der nicht selbst komponierte, sondern davon lebte, die Werke anderer Komponisten aufzuführen. 

Dazu kam der zunehmende Aufschwung des Bürgertums etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts und das Interesse nicht nur der Adligen, sondern nun auch der Bürger an Kunst- und speziell Musikausübung. Anregung dazu boten auch die großen Virtuosen der Zeit, wie. z. B. Franz Liszt, Niccolo Paganini oder auch Clara Schumann. Daraus resultierte ein größerer Bedarf nicht nur an guten aktiven Musikern, sondern vor allem auch an guten Musikpädagogen. Dies führte 1844 in Berlin zur Gründung des ersten Verbands von Musikern und Musikpädagogen (Berliner Tonkünstlerverein, BTV). Gründungsmitglied war u. a. Theodor Kullak, der nicht nur als Komponist und Konzertpianist reüssierte, sondern ein wegweisender Musikpädagoge war, der sich auf die Ausbildung von Pianisten spezialisiert hatte. 

Nach der Gründung des BTV wurde durch diesen 1847 auch das erste Publikumsorgan eines Verbands gegründet: die Neue Berliner Musikzeitung im Verlag Bote & Bock. Zwei Jahre später fand dann bereits die erste Tonkünstlerversammlung in Leipzig statt und 1861 wurde schließlich der Allgemeine deutsche Musikverein gegründet, unter anderem durch Franz Liszt, welcher später (1871) zum Ehrenmitglied des BTV ernannt wurde. 1861 fand auch das erste Tonkünstlerfest in  Weimar statt. 

Dreizehn Jahre später (1874) schlossen sich schließlich die vier mittlerweile existierenden Tonkünstlerverbände (in Berlin, Hamburg, Leipzig und München) zum Verband deutscher Tonkünstlervereine zusammen. Das war im Grunde die Basis der dann 1903 erfolgten Gründung des Zentralverbands deutscher Tonkünstler und Musiklehrer. 

Nach dem ersten Weltkrieg wurde als Nachfolger des Zentralverbands schließlich 1922 der Reichsverband deutscher Tonkünstler und Musiklehrer mit zehn Landesverbänden gegründet, der eigentliche Vorläufer des heutigen deutschen Tonkünstlerverbands. 1933 wurde er im Rahmen der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten aufgelöst; die einzelnen Landesverbände wurden  in die Reichsmusikkammer überführt. 

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und der NS Zeit erfolgte die Neugründung als Verband deutscher Tonkünstler und Musiklehrer (VDTM); seit 1993 gilt die heutige Bezeichnung Deutscher Tonkünstlerverband (DTKV). 

Mit diesem historischen Hintergrund ist der DTKV der älteste Berufsverband für Musiker in Deutschland. Er vertritt alle Musikberufe – Interpreten, Komponisten, Musikpädagogen, Musikwissenschaftler – nicht nur im Bereich klassischer Musik, sondern gleichermaßen bei Jazz und Popularmusik – und entwickelte sich zum Markensiegel für Musikberufe. Eine qualifizierte Ausbildung ist Voraussetzung für die ordentliche Mitgliedschaft; das Qualitätszertifikat des Verbands ist ein hoch angesehenes und gesuchtes Zeugnis vor allem für alle Lehrenden im Bereiche der Musik. 

Der Deutsche Tonkünstlerverband ist aber nicht nur die älteste, sondern auch mit Abstand die grösste Vereinigung dieser Art - mit derzeit ca. 9.000 Mitgliedern, die sich auf 16 eigenständige Landesverbände verteilen, welche wiederum in Regionalverbände unterteilt sind. 

Der Wiederaufbau des Bayerischen Tonkünstlerverbands begann im Jahre 1948, anknüpfend an der Tradition der Tonkünstlerverbände vor 1933. Dazu muss man sagen, dass sich Bayern als einziges deutsches Bundesland in seiner 1946 beschlossenen Verfassung als „Rechts-, Kultur-und Sozialstaat“ versteht. In keiner anderen Verfassung deutscher Bundesländer wird die Identität nicht nur über Recht und Soziales, sondern auch über die Kultur definiert. In der Verfassung ist ausdrücklich festgehalten, dass Kunst und Wissenschaft vom Staat gefördert und mit entsprechenden Mitteln unterstützt werden müssen. Damit knüpfte der Freistaat nach der Unkultur des Nationalsozialismus an die Zeit unter seinen Königen Ludwig I. und Ludwig II. an, als Bayern zur Wahlheimat für zahlreiche Künstler aus aller Welt, sowohl aus dem Bereich der Musik, wie auch der Malerei und Literatur wurde. 

Im Sinne dieser Tradition fand auch die Neugründung des Bayerischen Tonkünstlerverbands 1948 statt; die aktive Mitwirkung am Kulturstaat Bayern war und ist bis heute eine Maxime nicht nur des Landesverbands, sondern auch aller regionalen bayerischen Verbände. 

Zum Zeitpunkt dieser Neugründung gab es übrigens drei Ortsverbände, die sich auf Initiative des Komponisten Wolfgang Jacobi zum Bayerischen Tonkünstlerverband zusammenschlossen:  München, Würzburg und Augsburg. 1958 wurde dann auch in Augsburg das zehnjährige Bestehen des Bayerischen Verbandes gefeiert; in diesem Jahr war die Zahl der Regionalverbände schon  auf  neun angewachsen. Heute, 2019, umfasst der Bayerische Tonkünstlerverband vierzehn Regionalverbände, die sich über ganz Bayern verteilen und fast 3.000 Mitglieder umfassen. Das heißt, dass ca. ein Drittel aller Mitglieder des Deutschen Tonkünstlerverbands im Bayerischen Verband sind!

Eventuelle Anmerkung: Diese regionale Verteilung der Verbände vom Allgäu bis in die Oberpfalz ist für mich (vor allem als gebürtigen Hessen) bei den jährlichen Landesdelegiertentreffen schon rein sprachlich im Sinne der Dialekte immer ein besonderes Vergnügen. 

Mit dieser Zahl ist der Bayerische Verband mit Abstand die mitgliederstärkste Vereinigung im Rahmen des deutschen Tonkünstlerverbands; einzelne Regionalverbände, wie z. B. der Verband Augsburg-Schwaben, haben deutlich mehr Mitglieder als mancher Landesverband im Norden Deutschlands (wohlgemerkt: Landesverband, nicht Regionalverband!).  Überhaupt zeigt sich ein deutliches Süd-Nord-Gefälle in den Mitgliederzahlen, wenn man sich die Struktur der einzelnen Landesverbände anschaut. Ein Grund dafür dürfte in Bayern auch der angesprochene Artikel in der bayerischen Verfassung sein, der auch von den Neugründern des bayerischen Verbands nach der NS-Zeit als Auftrag gesehen wurde und bis heute für die Verbandsarbeit Ansporn und Aufgabe darstellt.  

Innerhalb der Bayerischen Gruppen kann nun ganz speziell der Verband Augsburg-Schwaben mit einer beeindruckenden eigenen Geschichte aufwarten, sowohl was die Mitglieder, als auch die Veranstaltungen angeht. Viele prominente Künstler der jeweiligen Zeit traten in Konzerten auf, die vom Verband veranstaltet wurden, und die Liste der Pädagogen, die im Rahmen des Verbands wirkten und wirken, ist nicht weniger eindrucksvoll. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle ins Detail zu gehen;  ich kann Ihnen nur allen empfehlen, die hervorragende Festschrift von Herrn Prof. Dr. Manfred Schmid zu lesen, die in wirklich spannender Weise die Geschichte des Verbandes Augsburg-Schwaben erzählt. 

Zwei Namen möchte ich Ihnen allerdings nicht vorenthalten. Das ist zum einen Herr Richard Heller, der trotz seiner Karriere als erfolgreicher und viel gespielter Komponist  21 Jahre lang, von 1993 bis 2014 den Vorsitz inne hatte und mit unglaublich großem Einsatz die Geschicke des Verbands leitete – sehr erfolgreich leitete, möchte ich dazusagen. Herr Heller war außerdem von 2007 bis 2014 zusätzlich stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Landesverbands. 

Außerdem möchte ich Frau Gabriele Tluck nennen, die als Nachfolgerin von Herrn Heller seit 2014 die Geschicke des Verbands leitet und dies ebenfalls äußerst erfolgreich tut, wie schon der Mitgliederzuwachs in diesen Jahren beweist: von etwa 200 Mitgliedern im Jahre 2009 hat sich die Zahl in den letzten zehn  Jahren auf heute ca. 300 gesteigert; gerade in den letzten fünf Jahren ist die Zahl eklatant gestiegen. Mit diesen 300 Mitgliedern gehört Augsburg-Schwaben zu den mitgliederstärksten Regionalverbänden Bayerns.  

Abschließend noch ein paar Worte zu den besonderen Anliegen der Verbandsarbeit bzw. der Bedeutung des Bayerischen Tonkünstlerverbands (und damit seiner Regionalverbände) in der heutigen Zeit: Wie schon angesprochen ging es zur Zeit der Gründung der Tonkünstlerverbände zunächst ganz allgemein primär  darum, überhaupt eine Vertretung der verschiedenen Musiker – Interessen aufzubauen, die sowohl für Komponisten und aktive Musiker, wie auch für Musikpädagogen und Musiktheoretiker ein Forum darstellt. 

Das ist im Grunde bis heute so geblieben. Im Laufe der wechselvollen Geschichte unseres Landes kamen aber auch ganz spezifische Aufgabenstellungen dazu, die sehr stark durch die jeweilige gesellschaftliche Entwicklung bedingt waren und sind. Vor allem in den Jahren nach 1945, als auch das kulturelle Leben in Deutschland zunächst völlig brach lag, waren die Tonkünstlerverbände sehr wichtige Unterstützer beim Wiederaufbau des Konzertlebens wie auch des qualitätvollen Musikunterrichts. Damals bestand ein regelrechter Hunger nach Kultur und gerade die drei schon genannten bayerischen Verbände München, Würzburg und Augsburg lebten wieder auf, knüpften einerseits an ihre Tradition aus der Zeit vor 1933 an und begannen andererseits, sich um die Pflege der zeitgenössischen Musik zu kümmern. 

Dieser Punkt – die Pflege der zeitgenössischen Musik – hatte und hat neben der Förderung des qualitativ hochwertigen Musikunterrichts nach wie vor eine besondere Bedeutung gerade beim bayerischen Landesverband und seinen Regionalverbänden. Symptomatisch dafür stehen kann die Buchreihe "Komponisten in Bayern", die wohl auf dem deutschen Buchmarkt ziemlich einzigartig sein dürfte. Vor sechsunddreißig Jahren von Alexander Suder begründet, weist die Reihe mittlerweile mehr als sechzig Biografien auf; den neuesten Band haben wir gerade vor fünf Wochen in Berlin vorgestellt. 

Mit Franz Grothe, dem das Buch gewidmet ist, erscheint erstmals die Biographie eines Komponisten der sogenannten U – Musik in der Reihe, wobei ich die Trennung in E- und U-Musik eigentlich immer ziemlich unsinnig fand; es gibt einerseits  im U-Bereich tiefernste, um nicht zu sagen depressive Musik, und andererseits sind z. B. Mozarts Divertimenti, die der E-Musik zugerechnet werden, als reine Unterhaltung konzipiert. 

Dieses erstmalige Aufnehmen eines Schöpfers der "leichten Muse" kann durchaus symptomatisch für die Arbeit des bayerischen  Tonkünstlerverbands  heute stehen: neben der Pflege der zeitgenössischen "ernsten" Musik die Offenheit gegenüber auch  anderen Musikströmungen. So haben wir im November vergangenen Jahres im Rahmen der bayernweiten Reihe "100 Jahre Freistaat Bayern" in München und Würzburg, jeweils in Zusammenarbeit mit den dortigen Musikhochschulen, zwei Gesprächskonzerte veranstaltet, bei denen auch außereuropäische Musikeinflüsse zum Tragen kamen; gleichzeitig beschäftigten wir uns dabei sowohl mit der klassischen Moderne des bayerischen Musiklebens, wie mit den neuesten musikalischen Strömungen des 21. Jahrhunderts. Die Resonanz beim Publikum war trotz eher schwieriger musikalischer Kost sehr positiv und aufgeschlossen; auch dies gab und gibt Hoffnung, dass musische Bildung  im allgemeinen und musikalische Bildung im besonderen trotz Fernsehen und vor allem Internet auch heute noch Interessenten findet. Dafür leisten gerade die bayerischen Tonkünstlerverbände seit langem einen ganz wichtigen Beitrag; das fast ausnahmslos ehrenamtliche Engagement seiner Mitglieder kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und der Verband Augsburg-Schwaben kann mit seiner nun hundertjährigen Geschichte als ein Musterbeispiel dafür stehen. 

 

Ich denke, ich spreche in unser aller Namen, wenn ich dem Verband auch für die nächsten Jahre und Jahrzehnte eine so großartige Entwicklung wünsche, wie sie in seiner bisherigen Geschichte stattgefunden hat. Die Vorzeichen dafür stehen günstig und es ist beruhigend zu sehen, dass die Arbeit des Vorstands und seiner Mitglieder so schöne Früchte trägt. 

Damit darf ich die Bühne wieder den Musikern überlassen und mich für Ihre Aufmerksamkeit bedanken.