Der Verband für Musikberufe

FESTKONZERT 100 Jahre Tonkünstler Augsburg

Ein Jahrhundert für die Musik
Jubiläum Der Tonkünstlerverband blickt auf 100 Jahre bewegte Existenz zurück. Am Sonntag feiert er mit einem Konzert
Konzert vom: 
31.03.2019

Von Manfred Engelhardt. Die Musik wird von Menschen gemacht – und diese Menschen müssen leben, sie leben für die Musik. Es ist immer doppeltes Anliegen einer unspektakulären, doch wichtigen Interessenorganisation gewesen: Die Tonkünstlervereine (heute Verbände) verstehen sich als Förderer der musikalischen Kultur ebenso wie als Helfer dieser Berufsgruppe auch im sozialen Bereich. Das war ganz früher schon so und hat sich bis heute nicht geändert. Vor 100 Jahren wurde der Augsburger Tonkünstlerverein (TKV) gegründet. Und er feiert das Jubiläum am kommenden Sonntag mit einem speziellen Konzert-Programm im Kleinen Goldenen Saal.

Man muss in die Geschichte des 19. Jahrhunderts zurückgehen, die ja über die politischen Ereignisse hinaus auch im kulturellen Bereich von radikalen Umbrüchen betroffen war. Die Parameter der Musikausübung hatten sich verschoben, als nicht mehr ausschließlich Kirche, Klöster und Höfe die Tonkunst pflegten. Das spürte auch ein Weltstar des 19. Jahrhunderts, Franz Liszt, der 1859 den Allgemeinen Deutschen Musikverein mitbegründete. Dieser wurde zum Vorläufer der Tonkünstlerverbände. Grundpfeiler waren die ersten Verbände in Berlin, Hamburg, Leipzig und München nach der Reichsgründung 1871, einmündend 1903 in einen Zentralverband. Nach dem 1. Weltkrieg erfolgte eine Tendenz zur Regionalisierung. Da bedurfte es unbeirrbarer und mit speziellem Charisma ausgestatteter Einzelpersonen, um regionale Filialen zu schaffen.

Gustav Heuer war einer. Der 1875 in Wismar geborene Musiker rief 1919 den Augsburger Tonkünstlerverein ins Leben. Er war 1897 über München nach Augsburg gekommen, spielte als Geiger und Flötist im Städtischen Orchester, kümmerte sich um das nicht von großer Qualität gekennzeichnete Chorleben der Arbeitervereine, richtete Schülerbildungsprojekte ein, bemühte sich, durch den Tonfilm arbeitslos gewordenen Live-Stummfilm-Musikern andere Auftritte zu beschaffen. Er leitete 1930 bis 1933 sein Konzertorchester Augsburg, war Lehrer im Annakolleg, im Stetten-Institut, der Handelsschule.

Welche Phasen der Augsburger Tonkünstlerverein (TKV) bis heute erlebte, dokumentiert die Festschrift zum Jubiläum. Manfred Hermann Schmid, lange Jahre Musikwissenschaft-Ordinarius in Tübingen, selbst Augsburger, beschreibt dies unter Einbeziehung interessanten Archivmaterials, auch privater Quellen, die das Schicksal Gustav Heuers näher rücken. Da nach Kriegsende für die US-Militärregierung der TKV mit dem NS-Regime verbunden wurde, gab es für Heuer keine Zulassung zur Wiedergründung. Er verlor auch seine Lehrerposten, musste sich einige Zeit als Bestattungsmusiker durchschlagen.

Die Lage änderte sich, als sich in München mit Genehmigung der dortigen US-Spruchkammer die Tonkünstler als Verband bayernweit neu etablierten. Heuer gelang es, 1949 den Augsburger Verein wieder zu beleben. Er starb 1952, hinterließ rund 60 Werke, die auch überregional wahrgenommen wurde. Es folgten auf ihn als Vorsitzende Karl Kottermaier, Klaus Volk, Chef des Leopold-Mozart-Konservatoriums, mit dem der TKV naturgemäß kooperierte. Am längsten, 21 Jahre, bekleidete das Amt Richard Heller, Theorielehrer und Komponist. In seine Zeit fällt die Umbenennung in Tonkünstler-„Verband“. Seit 2014 steht Gabriele Tluck dem Verband vor.

In den Nachkriegsjahrzehnten leistete der TKV imponierende musikalische Aufklärung. Das Publikum wurde in der Reihe „studio für neue musik“ mit den Klassikern der Moderne, wie Hindemith, Strawinsky, Janáček, Schönberg, Berg bis Henze, konfrontiert, die in den NS-Jahren hier meist unbekannt blieben. Eine Sensation war 1966 die Gesamtaufführung der sechs Streichquartette von Bartók durch das renommierte Novák-Quartett. Eine weitere Reihe machte mit zeitgenössischen schwäbischen Komponisten bekannt.

Vielseitigkeit, zeitgenössisches Schaffen, mutige Mischung der Genres von Kammermusik bis Jazz – zu diesen Ambitionen steht auch Gabriele Tluck in ihren Konzertprogrammen. Ebenso wichtig im Selbstverständnis des Verbands ist die sozial-berufliche Komponente, nämlich, vor allem den Freiberuflern und Lehrern zu helfen, von Versicherungsfragen bis zum GEMA-Umgang. Fazit: Musik ist schön, macht aber Arbeit.